Über Doris Brunkerts Gedicht „Kreuzflug“

Unterzeichnen und verbreiten Sie bitte die Petition Retten Sie den Rotmilan und andere von der Ausrottung bedrohte Arten!

https://www.change.org/p/f%C3%BCr-landwirtschaft-und-umwelt-mecklenburg-vorpommern-retten-sie-den-rotmilan-und-andere-von-der-ausrottung-bedrohte-arten-0dab0be9-2465-4cbe-93f0-84b5430b0d8f

Kreuzflug

 

ein flügelspreizen in den armen

das macht der sommer im augenblick

das ferne ist heimat

Doris Brunkert hat das Gedicht „Kreuzflug“ am 8. Juli 2019 auf ihrem Blog „blaupause~ lyrisches bLogbuch“ veröffentlicht. Ein Bezug zu einem Gedicht von Paul Grass, in welchem der Vers „Weißer Kreuzzug der Möve“ mehrfach vorkommt, existiert nicht. Die Subtexte, die ich identifizieren konnte, sind das Gedicht „Mondnacht“ von Joseph von Eichendorff, die „Metamorphosen“ des Ovid und das Gedicht „Chwila“ von Wisława Szymborska. Dabei handelt es sich jedoch keineswegs um bewusste Weiter-verarbeitungen dieser Texte. Vielmehr haben diese Texte als Teil des kollektiven literarischen Erbes gewissermaßen unbemerkt und unterirdisch an der Entstehung von „Kreuzflug“ mitgewirkt. Doris Brunkert hat mir auf Nachfrage mitgeteilt, dass sie Eichendorffs „Mondnacht“ gut und die „Metamorphosen“ des Ovid weniger gut kennt. Szymborska hat sie mir als eine für sie wichtige Dichterin genannt, bei dem Wort „Chwila“ aber nicht sogleich gewusst, worauf ich hinauswollte.

Ihren Schaffensprozess schildert sie so: „ich wünschte, ich würde mir mal die Zeit nehmen, etwas über Versmaße und Rhythmus zu lernen, Aber praktisch nehme ich mir nur die Zeit, Eindrücke des Tages festzuhalten. Wenn etwas dann merkwürdig wird, bin ich schon ganz froh, weil es dann schon, wie ich meine, in die Nähe eines echten Gedichtes kommt.“ Doris Brunkert geht also von Eindrücken aus, die sie sich ins Gedächtnis ruft und festzuhalten bemüht ist.

„Kreuzflug“ beschreibt einen solchen irdischen Augenblick. „Chwila“ [„Der Augenblick“] ist eines der wichtigsten Gedichte der Szymborksa. Es endet mit den Versen:

Jak okiem się­gnąć, pa­nu­je tu chwi­la.
Jed­na z tych ziem­skich chwil
pro­szo­nych, żeby trwa­ły.

[So weit das Auge reicht, herrscht hier der Augenblick.
Einer dieser irdischen Augenblicke,
die man zu verweilen bittet.] (Übersetzung von Karl Dedecius)

„Chwila“ bestimmt die Grundhaltung der Dichterin von „Kreuzflug“. Bei dieser Feststellung möchte ich stehenbleiben und die Parallele zu diesem Gedicht, in dem Vögel im Flug vorkommen, und dem Gedicht „W zatrzęsieniu“, in dem die Möwe vorkommt, nicht fortführen, um nicht fremde Gedanken in Brunkerts Gedicht zu tragen.

Greifbarer ist der Bezug zu Eichendorffs „Mondnacht“. „Mondnacht“ ist ebenfalls ein Sommergedicht. Der zweite Vers der zweiten Strophe lautet: „Die Ähren wogten sacht“. Die dritte Strophe schildert den durch das Naturerlebnis angeregten Flug der Seele in die Weite, die als vertraut empfunden wird:

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

Der entscheidende Unterschied zwischen beiden Gedichten ist, dass der Flug in die Ferne bei Brunkert im Körper verankert ist: „ein flügelspreizen in den armen“. Das macht die Modernität des Gedichts aus. Die religiöse Deutung, die bei Eichendorff durchaus zulässig ist, findet bei Brunkert keinen Anlass.

Im ersten Vers verwandelt sich die Dichterin, deren Pseudonym hafenmöwe ist, in eine Möwe. Dabei läuft die Metamorphose auf eine solche Weise ab, wie sie bei Ovid immer wieder beschrieben wird. Die Körperteile eines Menschen werden augenblicklich zu denen eines Tieres. Hier zucken plötzlich in den Schultern Flügel. Als Parallele bei Ovid nenne ich die Verwandlung der Halcyone:

Sie sprang mit wunderbarem Sprung hinan
Und nicht gesprungen war es, war geflogen:
Sie streifte auf der Lüfte weicher Bahn
Hin mit dem Schlage frisch entsproßner Flügel (Übersetzung von Michael Fertig)

Der zweite Vers von „Kreuzflug“ ist vieldeutig. Das „Das“, mit dem er beginnt, kann sich auf den ersten Vers beziehen: Der Sommer bringt dieses Flügelzucken hervor. Es kann sich auch auf den dritten Vers beziehen: Der Sommer macht, dass das Ferne zur Heimat wird. Es kann sich aber auch zeigend auf etwas außerhalb des Textes Befindliches beziehen. Die Wendung „im Augenblick“ ist gleichfalls mehrdeutig. Sie kann die Schnelle bezeichnen, mit welcher sich die Verwandlung vollzieht; sie kann aber auch den Zeitpunkt angeben: ‚gegenwärtig‘.

Das Raffinement des dritten Verses besteht darin, dass Brunkert nicht „die Ferne“ sagt, sondern „das Ferne“. Das Besondere des Gedichts besteht in seiner Kürze. In nur drei Zeilen wird eine Stimmung geschaffen und die Verwandlung so intensiv dargestellt, dass der Leser sie seinerseits empfinden kann.

Wenn man nun fragt, warum dieses Gedicht, das den Zauber und die Schönheit des Sommers zur Darstellung bringt, auf dieser eher politisch ausgerichteten Seite besprochen wird, so weise ich darauf hin, dass wir in einer Zeit leben, in der das Schöne verachtet, entwertet und vernichtet wird. Landschaften werden entstellt, Vögel erschlagen oder vertrieben, Menschen physisch und psychisch geschädigt. In einer solchen Zeit ist ein Gedicht, das die Schönheit besingt, politisch. Ein Vers aus Doris Brunkerts Gedicht „wer nicht im bild ist“ lautet: „wie politisch ein milan ist“.

Unterzeichnen und verbreiten Sie bitte die Petition Retten Sie den Rotmilan und andere von der Ausrottung bedrohte Arten!

https://www.change.org/p/f%C3%BCr-landwirtschaft-und-umwelt-mecklenburg-vorpommern-retten-sie-den-rotmilan-und-andere-von-der-ausrottung-bedrohte-arten-0dab0be9-2465-4cbe-93f0-84b5430b0d8f

Werbeanzeigen
Standard

Ein Gedanke zu “Über Doris Brunkerts Gedicht „Kreuzflug“

  1. Lieber René, gerade komme ich aus Hamburg und lese nun Deine Zeilen. Ich möchte an erster Stelle sagen, dass es mich freut, dass Du über meinen „Kreuzflug“ geschrieben hast, Ja, das Schöne ist durchaus politisch, Das Unschöne auch. Alles, im Grunde…- selbst der Glaube..
    Was Du schreibst, ist aufschlussreich. Muss das noch mal lesen, Habs eben nur überflogen. Meld mich noch mal.Hab eine schönen Dienstag (für mich wirds wieder wie heute ein laaanger Tag…)
    Bis denn – ein sehr heiseres und klagendes Krächzen zum Gruße von Doris alias Hafenmöwe

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s