Jacques Attali über die Pandemie als Quelle strukturierender Ängste zur Ermöglichung einer Weltregierung

Es gibt nur drei Arten von Menschen auf der Welt: die Wenigen, die Dinge geschehen lassen, die etwas größere Gruppe, die beobachtet, wie sie geschehen, und die große Mehrheit, die nicht einmal weiß, dass sie geschehen.
Nicholas Murray Butler

Der Wirtschaftswissenschaftler Jacques Attali (geb. 1943) war von 1981 bis 1991 Sonderberater des französischen Präsidenten François Mitterand. Sein Denken übt noch heute großen Einfluss aus. Nachstehenden Text publizierte er 2009 in L’Express anlässlich der Schweinegrippepandemie. Paul Schreyer weist in seinem Vortrag Pandemie-Planspiele – Vorbereitung einer neuen Ära? darauf hin.

Jacques Attali

Vorankommen durch Angst

Die Geschichte lehrt uns, dass die Menschheit sich nur dann signifikativ entwickelt, wenn sie wirklich Angst hat: dann setzt sie zunächst Verteidigungsmechanismen in Gang; manchmal unannehmbare (Sündenböcke und Totalitarismen); manchmal unwirksame (Zerstreuung); manchmal wirksame (Therapien, welche, wenn notwendig, alle bisherigen moralischen Prinzipien beiseiteschieben). Dann, wenn die Krise einmal vorüber ist, transformiert sie diese Mechanismen, um sie mit der individuellen Freiheit vereinbar zu machen und sie in eine demokratische Gesundheitspolitik einzuschreiben.

Die einsetzende Pandemie könnte eine dieser strukturierenden Ängste erzeugen.

Wenn sie nicht ernster ist als die beiden vorausgehenden Ängste eines Pandemierisikos (die Rinderwahnkrise von 2001 in Großbritannien oder die Vogelgrippekrise 2003 in China), so wird sie doch zunächst signifikative ökonomische Folgen haben (Abnahme der Lufttransporte, Rückgang des Tourismus und des Ölpreises); sie wird ungefähr 2 Millionen Dollar pro infizierte Person kosten und die Börsenmärkte um ungefähr 15% sinken lassen; ihre Einwirkung wird sehr kurz sein (die chinesische Wachstumsrate ist nur während des zweiten Quartals 2003 gesunken, um im Dritten in einem Anstieg zu explodieren); sie wird Konsequenzen im Bereich der Organisation haben (2003 wurden in ganz Asien sehr strenge Disziplinierungsmaßnahmen ergriffen; die WHO hat Alarmmechanismen eingerichtet; einige Länder, insbesondere Frankreich und Japan, haben beträchtliche Vorräte an Masken und Medikamenten angelegt).

Wenn sie ein wenig ernster ist, was möglich ist, da sie durch den Menschen übertragbar ist, wird sie wahrhaft weltumfassende Folgen haben: ökonomische (die Modelle lassen annehmen, dass sie einen Verlust von 3 Trillionen Dollar verursachen könnte, d.h. einen Rückgang von 5% der weltweiten Wirtschaftsleistung) und politische (aufgrund der Ansteckungsgefahr werden die Länder im Norden daran interessiert sein, dass diejenigen im Süden nicht erkranken, und dafür Sorge tragen, dass die ärmsten Zugang zu den Medikamenten haben, die heute allein für die reichsten bevorratet werden); eine große Pandemie wird besser als jeder humanitäre oder ökologische Diskurs das Bewusstsein der Notwendigkeit eines zumindest egoistischen Altruismus erzeugen.

Und selbst wenn diese Krise, wie man offenbar hoffen muss, nicht sehr ernst ist, wird man nicht versäumen dürfen, wie bei der Wirtschaftskrise daraus Lehren zu ziehen, um bei der nächsten, die unvermeidbar sein wird, Vorsorge- und Kontrollmechanismen und logistische Prozesse der gerechten Verteilung von Medikamenten und Impfstoffen zu schaffen. Dafür muss man eine Weltpolitik schaffen, eine weltweite Bevorratung und folglich ein globales Besteuerungswesen. Auf diese Weise wird man schneller, als es die ökonomische Vernunft erlaubt hätte, dahin gelangen, die Grundlagen einer wahrhaften Weltregierung zu legen. Übrigens hat die Schaffung eines wahrhaften Staates in Frankreich im 17. Jahrhundert mit dem Krankenhaus begonnen.

In der Zwischenzeit könnte man wenigstens hoffen, eine wahrhafte europäische Politik in dieser Hinsicht zu schaffen. Aber da ist Brüssel wie in Bezug auf so viele andere Themen stumm.

j@attali.com

Quelle für den Originaltext: https://blogs.lexpress.fr/attali/2009/05/03/changer_par_precaution/

Quelle: https://www.lexpress.fr/actualite/societe/sante/avancer-par-peur_758721.html (Screenshot)

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